Dekonstruktion von Picasso: Antikriegskunst und feministische Perspektiven
Pablo Picasso und die radikale Formensprache der Antikriegskunst
Pablo Picasso gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Moderne. Mit seinem kubistischen Stil zerlegte er die Realität in Fragmente und schuf neue Perspektiven auf das Sichtbare. Besonders bekannt ist er für seine radikale Formensprache und seine klare Antikriegshaltung.
Seine Werke, darunter das monumentale Guernica (1937) und Weinende Frau (1937), sind ikonische Darstellungen von Krieg, Leid und menschlicher Tragödie. Während Picasso in seiner Kunst das Grauen des Krieges anklagt, bleibt die Rolle der Frauen in seinen Bildern oft auf das leidende Opfer reduziert.
Dekonstruktion: Eine neue künstlerische und philosophische Strategie
In meiner Kunst greife ich Picassos Ästhetik auf, dekonstruiere jedoch nicht nur die Form, sondern auch die narrative Funktion seiner Bilder. Die Dekonstruktion als künstlerische und philosophische Strategie eröffnet neue Möglichkeiten, bestehende Bedeutungen zu hinterfragen und umzuwandeln.
Inspiriert von Jacques Derridas Theorien und Picassos Weinender Frau nutze ich diese Methode, um die Darstellung weiblichen Leidens in der Kunst neu zu interpretieren. Mein Werk steht in direkter Verbindung zu den Protesten iranischer Frauen, insbesondere der Bewegung Frau, Leben, Freiheit.
Von Picasso zur Protestkunst: Die Transformation der Schreienden Frau
Meine aktuellen Kunstwerke Schreiende Frauen greifen Picassos kubistische Formsprache auf, doch ich verändere die narrative Funktion der Figur radikal. Während Picassos Frauen oft als passive Leidtragende dargestellt werden, wird meine Protagonistin zur aktiven Stimme des Widerstands.
Die verzerrten Gesichtszüge, die schreienden Lippen und die aufgerissenen Augen stehen nicht mehr nur für Trauer, sondern für Wut, Mut und den unbeugsamen Willen zur Veränderung.

Technische Umsetzung: Fragmentierung und Überlagerung als Ausdruck von Protest
Meine Technik basiert auf Überlagerung und Fragmentierung. Farben, die unter dunklen Strukturen verborgen sind, symbolisieren die unterdrückte, aber unaufhaltsame Energie des Protests. Kräftige Pinselstriche und die bewusste Zerstörung klassischer weiblicher Konturen führen zur Dekonstruktion nicht nur eines Kunstwerks, sondern auch tief verankerter patriarchaler Narrative.
Während Picassos Frauenfiguren oft in sich gekehrt und vom Leid überwältigt erscheinen, lasse ich meine Figuren ausbrechen. Sie richten ihren Schrei nach außen, fordern Raum ein und verweigern sich der Opferrolle. Dieses Bild ist inspiriert von den mutigen Frauen der iranischen Protestbewegung, die gegen Unterdrückung und Gewalt kämpfen. Ihr Schrei ist nicht nur Ausdruck von Trauer – er ist ein Aufschrei für Freiheit.
Dekonstruktion als feministische Strategie
Meine Arbeit stellt eine bewusste Umkehrung traditioneller Darstellungen leidender Frauen dar:
✔ Nicht passiv, sondern aktiv – Die Frau in meinem Werk schreit nicht nur, sie fordert Gerechtigkeit.
✔ Nicht romantisiert, sondern roh und intensiv – Schmerz ist keine Ästhetik, sondern eine Waffe.
✔ Nicht als Opfer, sondern als Kämpferin – Ihre Tränen bedeuten nicht Resignation, sondern Entschlossenheit.
Während Picasso mit Guernica die Schrecken des Krieges anprangert, übertrage ich diese Idee auf den Kampf der Frauen gegen systematische Unterdrückung.
Kunstgeschichte und feministischer Widerstand
Mein Werk steht in einer Tradition mit Künstlerinnen wie Artemisia Gentileschi, Frida Kahlo und Käthe Kollwitz, die das weibliche Leiden nicht als passives Erleiden, sondern als aktiven Ausdruck politischer und sozialer Realitäten darstellten:
- Artemisia Gentileschi zeigte in Susanna und die Alten erstmals eine Frau, die sich körperlich gegen männliche Gewalt sträubt.
- Frida Kahlo machte ihren Schmerz sichtbar – nicht als Opferrolle, sondern als Zeichen von Überlebenskraft.
- Käthe Kollwitz nutzte Kunst als Protest gegen Krieg und soziale Ungerechtigkeit.
Während diese Künstlerinnen das Leiden sichtbar machten, gehe ich einen Schritt weiter: Ich transformiere das Leiden in eine aktive Form des Widerstands.
Gleichzeitig greife ich Derridas Konzept der Différance auf: Bedeutung ist nicht fixiert, sondern verschiebt sich je nach Kontext. Indem ich Picassos ikonische Weinende Frau in die aktuelle politische Realität Irans übertrage, schaffe ich eine neue Lesart – weg von der Hilflosigkeit, hin zum Widerstand.
Fazit: Kunst als revolutionäre Kraft
Meine Malerei ist mehr als eine ästhetische Auseinandersetzung mit bestehenden Kunstwerken – sie ist ein politisches Statement. Schreiende Frau ist eine Hommage an all jene Frauen, die ihre Stimme erheben, trotz Unterdrückung, Gewalt und Gefahr. Sie ist ein Symbol für den Mut, sich gegen bestehende Machtstrukturen zu stellen.
Die Dekonstruktion ist dabei nicht nur eine Methode der Kunstkritik, sondern eine Strategie des Widerstands. Indem ich die klassischen Darstellungen weiblichen Leidens zerlege und neu zusammensetze, erschaffe ich eine neue Bildsprache:
Eine, in der Frauen nicht länger Objekte des Schmerzes sind, sondern aktive Subjekte des Wandels.
Außerdem ist dies nicht nur eine formale Neugestaltung, sondern eine politische Aussage. Ich nehme ein historisches Motiv und setze es in einen neuen, aktuellen Kontext.
In einer Zeit, in der Frauen weltweit – besonders im Iran – für ihre Rechte kämpfen, darf Kunst nicht nur Trauer zeigen – sie muss auch Widerstand sichtbar machen. Kunst ist nicht nur eine Reflexion der Vergangenheit, sondern eine Waffe für die Zukunft.
Autorin: Farzaneh Ravesh
Kunsthistorikerin und Malerin
Doktorandin der Kunstgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt
Master der Malerei
Titelbild: Immer wieder Guernica, Farzaneh Ravesh, Frankfurt am Main, 2024.